Einbildung & Spiegelung


Wenn Einbildung von Bildung käme

wäre die Welt eine Spielwiese für intelligente Menschen – also ganz anders als sie jetzt ist. Doch in Liebesdingen ist der menschliche Geist, wie auch auf vielen anderen Gebieten aus psychologischer Sichtweise, sagenhaft kreativ – seltener hingegen im realen Dasein. Jedenfalls besitzt die menschliche Spezies die Begabung, sich seine Wünsche einzubilden. Wenn dir jetzt der Film „Mein Freund Harvey“, in dem James Stewart – dieser ausgesprochen smarte Typ – mitspielte, einfällt liegst du richtig mit deiner Vermutung. Genau wie ein Hypochonder, der sich einbildet an mehr Krankheiten zu leiden als er tatsächlich aufwarten kann, gibt es Menschen, die sich die Liebe als Placebo verabreichen.

 

Hier wurden wir fündig. Ein mittvierziger Mann, 15 Jahre verheiratet, Vater zweier Kinder hat sich angeblich in sein Chat-Gegenüber verliebt und leide nun an Liebeskummer. Die Gefühle und Empfindungen die er habe, würden alles was er bis zu seinem jetzigen Alter je empfunden habe, um ein Vielfaches übertreffen. Er führt noch weiter aus, dass sein Chat-Gegenüber ihn wohl „wie verrückt“ lieben würde und macht keinen Hehl aus seinem Zustand dem Wasser nahe gebaut zu sein.

 

Aber nicht jeder, der sich eine Beziehung, eine Affäre oder gar die große Liebe einbildet, kommuniziert dieses Kopfkino öffentlich. Im Verborgenen schmieden unzählige Menschen an der Konstruktion ihrer Träume herum. Einige dieser Menschen leben in einer oder in mehreren Beziehungen zu dem Produkt ihrer Gedanken. Andere wiederum spiegeln ihre Wünsche auf den Nächstbesten oder zumindest auf den, der gerade da ist.

 

So selten ist das nicht der Fall, dass Menschen Spiegelung hinsichtlich ihres Partners praktizieren. Die Abhandlung ist schier einfach. Als Beispiel nehmen wir ein Pärchen, das die stereotypen Vorstellungen erfüll – also einen Mann und eine Frau. Nun lernen sich Mann und Frau kennen. Er träumt von einer geilen, richtig geilen Frau, die aussieht wie Catherina Zeta Jones, langbeinig wie Cameron Diaz ist und sich bewegt wie Selma Hayek auf dem Tisch im Titti Twister. Vor ihm steht ein klappriges Gestell mit blondlangen Zotten, ungepflegtem Äußerem und weniger schönem Gesicht, aber die Körpergröße ist für eine Frau recht groß. Denn unser Held erjagt sich jetzt einfach dieses Strüppengestell mit stattlichen 185 Zentimetern an Höhe. Anfangs hetzt ihn noch der Jagdtrieb, der rasch von Erfolg gekrönt wird. Anschließend praktiziert er Spiegelung. Ab diesem Zeitpunkt sieht er keinen ungepflegten Zottel-Lulatsch mehr vor sich stehen sondern Cameron-Zeta-Hayek. Diese Einbildungskraft von ihm kann so stark sein, dass seine Methode dazu beiträgt eine Beziehung über viele Jahrzehnte mit der Tapetenwand zu führen, auf die er seine Vorstellung drauf kaschiert hat. Dies kann zumindest so lange gut gehen, bis er sich in eine wirklich vorhandene, innerlich wie auch äußerliche Schönheit verguckt wonach er nachlässig wird mit der Spiegelung und plötzlich vor jemanden Steht, den er nicht kennt aber fürchten lernt.

 

Blöd wäre es nur, wenn die Kraft der Einbildung mit ganzer Wucht auf eine liebenswerte Frau einschlägt. Diese würde sich dann wohl ausgesprochen schlecht fühlen nachdem sie feststellt, dass sie Opfer der Spiegelung ihres Gegenübers wurde und ihr Gegenüber eigentlich kein großes Interesse an ihr als Person sondern lediglich an ihr als Hülle hatte.

 

Ob die Behandlung dieser Krankheit die Kassen übernehmen sollten?
Aber ja natürlich.  
Wir erheben unser Gläschen auf die Gestörtheiten die es gibt mit einem fröhlichen *Chin*Chin*


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